Berlin, Deutschland
Dorfkirche Alt-Staaken
Obwohl West-Staaken nach einem Gebietstausch offiziell zur sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gehörte, blieb der kleine Ort Staaken am westlichen Stadtrand bis 1951 praktisch ungeteilt und mit Spandau verbunden. Am 1. Februar 1951 besetzten Volkspolizisten das seit 1949 zur DDR gehörende Gebiet und lösten damit eine Fluchtwelle aus. Tausende Einwohner flohen nach West-Berlin.
Noch am Tag der Besetzung forderten die drei Fraktionen des Abgeordnetenhauses den Senat mit einem Dringlichkeitsantrag auf, Schritte zur Wiedereingliederung West-Staakens nach West-Berlin zu unternehmen – jedoch ohne Erfolg. Am 13. August 1961 wurde das Gebiet nach Westen gänzlich abgeriegelt und die S-Bahn-Strecke nach Falkensee unterbrochen. Zahlreiche Familien im Grenzgebiet mussten ihre Häuser verlassen. Unmittelbar neben der an der Grenze stehenden Staakener Dorfkirche wurde ein Grenz-Wachturm errichtet.
Ab Frühjahr 1989 wurde die Dorfkirche Alt-Staaken ein Anlaufpunkt für Ausreisewillige, aber auch für Menschen, die in der DDR bleiben und sie verändern wollten. Zur DDR-Kommunalwahl am 7. Mai 1989 kamen im Haus von Pfarrer Peter Radziwill drei Staakener Wähler zusammen, die auf ihrem Wahlzettel Kandidaten gestrichen hatten. Dieses Treffen gilt als Beginn des „Staakener Kreises“. Am 25. Juni 1989 begann im Anschluss an den Gottesdienst in der Dorfkirche eine Diskussion über die Probleme im Land. Ende Juli wurde ein weiterer Gottesdienst mit „Nachgespräch“ zum Thema „mauern, grenzen, abgrenzen“ anberaumt. Kirche und Pfarrhaus bekamen immer größeren Zulauf. Ab dem 11. Oktober 1989 traf sich der „Staakener Kreis“ jede Woche mittwochs in der oft völlig überfüllten Kirche. Neue oppositionelle Gruppierungen und Parteien stellten sich hier vor.
An den „Staakener Kreis“, der sich bis Juni 1990 regelmäßig traf, erinnert heute eine Bodenplatte am Eingang der Dorfkirche. Sie trägt den Konfirmationsspruch des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), von dem sich der Kreis leiten ließ.
Im Kirchgarten wurde am 17. Juni 1993 anlässlich des 40. Jahrestages des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 von Kindern aus Staaken ein „Baum der Versöhnung“ gepflanzt. Eine Tafel verweist auf die Besonderheit des Ortes.
Im Frühjahr 1990 forderten Spandauer und West-Staakener Politiker die Wiedereingliederung West-Staakens nach Berlin, was dann in einer Protokollnotiz zum Einigungsvertrag festgehalten wurde. Im März 2000 wurde auf Initiative von Pfarrer Norbert Rauer an der Dorfkirche Alt-Staaken ein Gedenkkreuz zur Erinnerung an die Teilung und Vereinigung Staakens errichtet. Es zeigt vertikal die Jahreszahlen 1951 und 1990 sowie horizontal die Worte „Geteilt Staaken Vereint“. Seit 2002 ziert das von dem italienischen Künstler Gabriele Mucchi (1899–2002) entworfene Wandgemälde unter dem Titel „Versöhnte Einheit“ die Dorfkirche.
Das Kreuz ist an der Stelle aufgestellt, an der die Grenze verlief. Das in Richtung Osten gerichtete Altarfenster besteht aus geschichtetem Floatglas. Die Schichten des Fensters und des davor stehenden Altarfußes symbolisieren die Brüche in der Geschichte des Ortes und korrespondieren mit dem Wandbild. Dieses vereint zwölf historische Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts unter dem gekreuzigten Christus. Die Personen spielten trotz unterschiedlicher Konfessionen sämtlich bei der Erneuerung der Kirche und des Weltbildes eine wichtige Rolle. Sie stehen neben Christus vereint vor der Grenzlandschaft des geteilten Deutschlands im 20. Jahrhundert.
Kontakt
Evangelische Dorfkirche Alt-Staaken
Hauptstraße 12 / Ecke Nennhauser Damm 72
13591 Berlin
Inschriften
Inschrift der Bodenplatte
(am Eingang der Dorfkirche)
Tue deinen Mund auf / für die Stummen / und für die Sache aller, / die verlassen sind. / Spr. 31,8 / Staakener Kreis 1989/90
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift der Tafel am "Baum der Versöhnung"
(auf dem Gelände der Dorfkirche)
Baum der Versöhnung / Morus alba – weiße Maulbeere / Stiftung Traude Fröhlich aus / ,West-Staaken im Osten‘ / und Elli Schneider aus / ,Ost-Staaken im Westen‘ / gepflanzt von Kindern aus Staaken / am 17.6.1993
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
vertikal verlaufende Inschrift auf dem Gedenkkreuz
(auf dem Gelände der Dorfkirche)
1951 - 1990
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
horizontal verlaufende Inschrift auf dem Gedenkkreuz
(auf dem Gelände des Dorfkirche)
Geteilt Staaken Vereint
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Literatur
- Staaken. Ein Ortsteil im Wandel der Zeiten. 1273–2000, hrsg. von der Heimatkundlichen Vereinigung Spandau 1954 e. V., 2., überarbeitete und ergänzte Auflage, Berlin 2000
- Cramer, Michael: Berliner Mauer-Radweg. Eine Reise durch die Geschichte Berlins, 3. Aufl., Rodingerdorf 2004
- Winters, Peter J.: Schau nur, sie tragen den Kelch gemeinsam, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2002
- West-Staaken dem Osten eingegliedert, in: Die Neue Zeitung, 2.2.1951, S. 2
- Staaken wehrt sich gegen Ueberfall, in: Der Tagesspiegel, 4.2.1951, S. 1
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
Weitere Informationen
- Informationen der Evangelischen Dorfkirche Alt-Staaken
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: Hauptstraße 12 / Ecke Nennhauser Damm 72
- Stadt: Berlin
- Ortsteil: Spandau
- Gebiet: Berlin
- Land: Deutschland






