Leinefelde, Deutschland
Denkmal zur Erinnerung an die Friedliche Revolution
Anlässlich des 25. Jahrestages der Friedlichen Revolution enthüllte Oberbürgermeister Siegfried Klapprott im Januar 2014 auf dem zentralen Platz der Stadt ein Denkmal zur Erinnerung an die Friedliche Revolution im Eichsfeld. Das aus rostrotem Cortenstahl gefertigte Kunstwerk zeigt die in eine Stele eingelassene Silhouette eines menschlichen Antlitzes, welches sich zum Umriss einer brennenden Kerze verformt. Die Idee für das Denkmal stammt von Roland Senft, Architekt und Leiter des Fachgebietes „Stadtplanung, Bau und Grundstücksverwaltung“ der Stadtverwaltung Leinefelde.
Das zwischen dem Thüringer Becken, der Werra und der Rhume gelegene Eichsfeld stellte die SED-Diktatur von Beginn an vor eine dreifache Herausforderung beim Versuch ihren Herrschaftsanspruch durchzusetzen: Als jahrhundertealte Exklave des Erzbistums Mainz war die Region zutiefst katholisch geprägt, sie befand sich unmittelbar im innerdeutschen Grenzgebiet und war – nicht zuletzt aufgrund des staatlich verordneten Abschottungskurses und der daraus resultierenden peripheren Lage – nur schwach industriell erschlossen. Um vor diesem Hintergrund den kulturellen, sozialen und infrastrukturellen Ausbau der Region voranzutreiben und damit implizit den Einfluss der katholischen Intuitionen sowie die religiös verwurzelte Lebensgestaltung im Eichsfeld zu brechen, wurde der „Eichsfeldplan“ auf den Weg gebracht, der 1959 Gesetzesstatus erhielt. Die „Beseitigung der Rückständigkeit“ sollte durch ein intensives Industrialisierungsprogramm forciert werden. In der gesamten Region fanden umfangreiche Versorgungs- und Infrastrukturmaßnahmen statt. Zum Prestigeprojekt des Eichsfeldplanes gehörte jedoch die Errichtung eines riesigen Baumwollkombinates in Leinefelde – bestehend aus Spinnerei, Weberei sowie einem textilen Veredelungsbetrieb. Mit Inbetriebnahme des Werkes 1963 wurden dort etwa 4500 Mitarbeiter beschäftigt. Der Ort erlebte ein exponentielles Bevölkerungswachstum.
Zwar veränderten sich die Rahmenbedingungen in der Region, aber auch die kirchlichen Strukturen und Aktivitäten passten sich den neuen Entwicklungen an. Zu Beginn des Jahres 1965 wurde die Gemeinde Leinefelde zum Dekanatssitz erhoben. Anfang der 1970er Jahre setzte sich Pfarrer Josef Reibert nachdrücklich für die Durchführung von Religionsunterricht in Schulräumlichkeiten ein, wofür er ins Visier der Staatssicherheit geriert. Auch bekundete der Klerus seinen Unmut gegen das Schichtsystems und die Sonntagsarbeit in der Industrie- und Agrarwirtschaft. Infolge nachdrücklichen Drängens entstand in Leinefelde Mitte der 1980er Jahre außerdem der größte jemals in der DDR genehmigte – von westdeutschen Kirchenmitteln finanzierte – Kirchenbau. Bewahrt werden konnte darüber hinaus auch die katholische Kultpraxis: Die Gottesdienste blieben weiterhin stark besucht, die Tradition der Wallfahrt und Prozessionen wurden gepflegt. Letztere stellten nicht nur ein Glaubensbekenntnis dar. Vielmehr schufen sie auch eine Gegenöffentlichkeit und dienten als kritische Machtdemonstration gegenüber dem SED-Regime. Dessen tiefgreifende Systemkrise war Ende der 1980er Jahre allgegenwärtig. Der gesellschaftspolitische Aufbruch war angesichts der maroden Wirtschaft, der Reformunwilligkeit der politischen Elite sowie der zunehmenden Widersprüche, in die sich das System verstrickte, nicht mehr aufzuhalten.
Im Oktober 1989 gingen auch im Eichsfeld die Menschen auf die Straßen. Nachdem in Leinefelde Anfang des Monats an Hauswänden bereits erste politische Losungen aufgetaucht waren, versammelten sich am Abend des 19. Oktober nach einer Donnerstagsmesse mehrere Hundert Bürger zur ersten Großdemonstration in der Stadt. Eine Woche später schlossen sich der Demonstration auf dem Zentralen Platz bereits 8000 Menschen an. Noch eine Woche später befanden sich im Zentrum Leinefeldes etwa 22 000 Demonstranten. Als am späten Abend die Nachrichten vom Fall der Berliner Mauer das Eichsfeld erreichten und der Kreisratsvorsitzende Franz Jaworski die Grenzöffnung verkündete, brach unter den Anwesenden frenetischer Jubel aus. Noch in der selben Nacht überqueren Eichsfelder Bürger den Grenzübergang bei Teistungen in Richtung Gerblingerode und Duderstadt.
Inschriften
Inschrift des Denkmals
(auf dem Zentralen Platz)
Mitbestimmung /Demokratie / Freiheit // Auf diesem Platz fand am Abend / des 19. Oktober 1989 die erste friedliche Großdemonstration / im Eichsfeld statt.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
Januar 2014 - Einweihung
Enthüllung des Denkmals zur Erinnerung an die Friedliche Revolution
Literatur
- Stöber, Christian: Rosenkranzkommunismus. Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld 1945-1989, Berlin: Christoph Link Verlag, 2019
- Adler, Hans-Gerd: Wir sprengen unsere Ketten. Die friedliche Revolution in Eichsfeld. Eine Dokumentation, Leipzig: Thomas-Verlag, 1990
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: auf dem Zentralen Platz
- Stadt: Leinefelde
- Gebiet: Thüringen
- Land: Deutschland
