Heilbad Heiligenstadt, Deutschland

Denkmal zur Erinnerung an die Friedliche Revolution und Deutsche Einheit

 
Anlässlich des 20. Jahrestages der Ereignisse im Herbst 1989 wurde im Jahr 2009 auf dem Friedensplatz vor dem Landratsamt ein Denkmal zur Erinnerung an die Friedliche Revolution und Deutsche Einheit errichtet. Das während der DDR-Zeit unmittelbar im Grenzgebiet gelegene Eichsfeld war seit Jahrhunderten katholisch geprägt. Der maßgebliche Einfluss des Klerus in der Region stand den politischen und ideologischen Zielen der SED im Wege. Sowohl mit offenem als auch mit verdecktem Druck sollte die katholische Kulturhoheit in der Region durchbrochen werden. Den sich verändernden Rahmenbedingungen – nicht zuletzt durch die Forcierung des Eichsfeldplanes, mit dem die vermeintliche „Rückständigkeit“ der Region durch intensive Industrialisierung überwunden werden sollte – passten sich jedoch auch die kirchlichen Aktivitäten an. Zudem konnte in der Region an traditionellen Elementen der katholischen Kultpraxis wie Wallfahrten und Prozessionen festgehalten werden. Als vertrauliche Verschlusssache galt, dass etwa 50 Prozent der Parteimitglieder im Kreis Anfang der 1980er Jahre der Kirche angehörten. Zum Ende der 1980er Jahre blieb im Eichsfeld der Gesamtanteil der Katholiken in der Bevölkerung weiterhin stabil, im Kreis Heiligenstadt beispielsweise lag er bei über 85 Prozent. Zur selben Zeit mehrten sich die Krisenerscheinungen in der DDR. Trotz maroder Wirtschaft, finanziellem Bankrott und tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Verwerfungen hielt die SED-Führung bis zuletzt an den überkommenen Verhältnissen fest und war nicht bereit, Reformen anzugehen. Im Herbst 1989 gingen auch die Menschen im Eichsfeld auf die Straßen. Im Zuge einer Andacht in der St. Ägidien-Kirche am 15. Oktober 1989 wurden in Heiligenstadt in Auszügen die Aufrufe der Bürgerbewegungen Neues Forum und Demokratie Jetzt vorgetragen. Am darauffolgenden Tag gründete sich im Pfarrraum der St. Gerhard-Gemeinde die Gruppe Heiligenstädter Ökumenischer Dialog – Bürgerinitiative im Neuen Forum. Am 23. Oktober gingen in Leipzig bei einer Montagsdemonstration etwa 300 000 Menschen auf die Straße. Ebenso versammelten sich in Schwerin schätzungsweise 40 000 Personen und forderten Veränderungen im Land. Zur selben Zeit kam es auch im Eichsfeld zu einer Initialzündung für weitere Proteste. Im Anschluss an eine Marienfeier in der überfüllten Heiligenstädter St. Gerhard Kirche begaben sich Hunderte Gläubige in einem Schweigemarsch durch den Ort. Vor öffentlichen Gebäuden stellten sie brennende Kerzen ab und stimmten zum Abschluss der Prozession das Eichsfeldlied an. Nur eine Woche später, am 30. Oktober, versammelten sich nach dem montäglichen Friedensgebet etwa 10 000 Heiligenstädter zu einer Großdemonstration. Eine parallel dazu stattfindende „Dialog-Veranstaltung“ der SED ignorierten die Bürger ostentativ. Im Zuge der Protestaktion auf dem Friedensplatz proklamierten Redner Forderungen nach Zulassung unabhängiger Parteien und freien Wahlen, die Aufgabe des Machtanspruches der SED und den Personalabbau bei der Staatssicherheit sowie die Auflösung des Grenzregimes. Darüber hinaus sollten Christen und Konfessionslose über gleiche Chancen verfügen, der Wehrkundeunterricht abgeschafft und das alleinige Erziehungsrecht bei den Eltern liegen. Dieser Forderungskatalog wurde auch bei der Kundgebung am 6. November wiederholt. Wie in den Wochen zuvor läuteten auch an diesem Abend die Glocken in der Stadt und kündigten ein ökumenisches Friedensgebet in der Klosterkirche St. Gerhard an. Zu der anschließenden Demonstration fanden sich etwa 25 000 Menschen zusammen. Die phrasenhaften Redebeiträge des anwesenden SED-Kreissekretärs, Bürgermeisters, Polizeichefs und Kreisschulrats bedachten die Protestteilnehmer mit Pfiffen und Buhrufen. Die auf den mitgebrachten Transparenten festgehaltenen Losungen wie „Das Eichsfeld bleibt katholisch“ und „Wir sind das Volk“ brachten die Position der Heiligenstädter deutlich zum Ausdruck. In Sprechchören skandierten die Menschen: „Egon nach China“ und „Reißt die Mauer ab“. Die letzte Forderung sollte bereits drei Tage später in Erfüllung gehen.

Inschriften

Inschrift des Denkmals
(auf dem Friedenspaltz)
Wir sind / das Volk / Wir sind / ein Volk // Deutschland / einig / Vaterland // Auf diesem Platz / erstritten sich / 1989/1990 / viele Tausend / Heiligenstädter / und Eichsfelder / Bürger / die Freiheit/ von der / SED-Diktatur // Gewidmet allen, / die auf diesem / Platz / ihre Stimme / erhoben / 30.10.1990
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

2009 - Einweihung
Einweihung des Denkmals zur Erinnerung an die Friedliche Revolution und Deutsche Einheit

Literatur

  • Stöber, Christian: Rosenkranzkommunismus. Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld 1945-1989, Berlin: Christoph Link Verlag, 2019
  • Adler, Hans-Gerd: Wir sprengen unsere Ketten. Die friedliche Revolution in Eichsfeld. Eine Dokumentation, Leipzig: Thomas-Verlag, 1990

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Friedensplatz
  • Stadt: Heilbad Heiligenstadt
  • Gebiet: Thüringen
  • Land: Deutschland