Kneese, Deutschland
Denkmal für Minenopfer an der ehemaligen deutschen Grenze
Am Sonntag, den 4. September 1983, unternahm ein 28 Jahre alter Mann einen Fluchtversuch, der für ihn tödlich enden sollte. Am frühen Morgen um 4.36 Uhr fanden Grenzsoldaten der NVA den leblosen Körper des Mannes. Harry Weltzin wurde am 7. Februar 1955 in Wismar geboren. Er besuchte die Polytechnische Oberschule Gerhart Hauptmann seiner Heimatstadt. Im Anschluss erlernte er den Beruf des Elektromonteurs und legte das Abitur. Danach durchlief er eine dreijährige Wehrdienstzeit bei den Grenztruppen an der Berliner Mauer. Zurück in Wismar studierte Harry Weltzin bis 1981 Elektrotechnik an der hiesigen Ingenieurhochschule. Anschließend arbeitete er als Diplom-Ingenieur für Projektierung auf der Werft in Wismar.
Schon während seines Studiums kam Weltzin mit dem System in Konflikt. Er schrieb zahlreiche Eingaben über Missstände in der DDR, die seinen Ausschluss aus der SED, der er seit 1975 angehörte, zur Folge hatten. Als er Anfang 1983 nach einem Disput mit einem leitenden Genossen der Werft auch noch seinen Arbeitsplatz verlor, entschied sich Harry Weltzin zur Flucht in die Bundesrepublik. Beim Versuch, die Grenzsignalanlagen zu untergraben, löste er versehentlich die nahen Selbstschussanlagen aus. Er starb durch Splitter einer dieser Anlagen des Typs SM 70.
Im Juni 2013 wurde an diesem Ort eine Gedenkstättenanlage errichtet. Nach Verzögerungen aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten erfolgte die Einweihung der Gedenkstätte am 31. August 2013. Rund 100 Besucher, unter ihnen die Vizepräsidentin des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern Silke Gajek sowie der stellvertretende Landrat von Nordwestmecklenburg Gerhard Rappen, nahmen an der Veranstaltung teil. Der Bürgermeister der Gemeinde Kneese, Hans-Jürgen Hoffmann, Dr. Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, Michael M. Schulz von der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft e. V. erinnerten an das geschehene Unrecht in der Grenzregion.
Der Standort des Mahnmals liegt etwa 100 Meter nördlich von der eigentlichen Unglücksstelle. Da die gesamte Schaalsee-Region strengen Naturschutzbestimmungen unterliegt, konnte es nicht am Ort des Geschehens errichtet werden. Die Gedenkstätte besteht im Wesentlichen aus Originalteilen der früheren Grenzanlagen. Zwei Grenzzaunpfähle säumen ein etwa drei mal drei Meter großes Stück Streckmetall. Am linken oberen Rand befindet sich eine Gedenktafel aus poliertem Messing.
Inschriften
Inschrift der Gedenktafel aus poliertem Messing
(am linken oberen Rand der früheren Grenzanlage)
Gedenkstätte Harry Weltzin // Geboren 7. Februar 1955 in Wismar / Hier gestorben 4. September 1983 / Hier verlief bis zur Deutschen Einheit 1990 die innerdeutsche Grenze - der Todesstreifen. Die / tödlichen Sperranlagen, die Mauer (in Dutzow und in Dessow) und der Kolonnenweg sind / abgebaut. / In diesem Bereich wurde am frühen Morgen des 4. September 1983 der Diplomingenieur Harry / Weltzin aus Wismar im Alter von 28 Jahren durch die von der DDR installierte / Selbstschussanlage SM70 getötet. Er war nur 50 Meter von seinem Ziel entfernt. // Einigkeit udn Recht und Freiheit
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch
Inschrift der Informationstafel
(an der früheren Grenzanlage)
GEGEN DAS VERGESSEN // für Demokratie & Toleranz // Harry Welzin / Unweit dieser Stelle strab am frühen Morgen des 4. September 1983 der Diplom-Ingenieur / Harry Weltzin (28) aus Wismar beim Versuch, einen Tunnel unter den Grenzzaun zu graben. / Weltzin wollte Freiheit erlangen und in die Bundesrepublik flüchten. Er wurde durch eine von / der DDR installierte Selbstschussanlage (Typ SM-70) getötet. Er ist damit ein Opfer / kommunistischer Gewaltherrschaft des SED-Staates geworden. Juristisch blieb / dieses dunkle Kapitel deutsch-deutscher Geschichte ungeahndet. Soweit es im / Zusammenhang mit den ostdeutschen Todesautomaten überhaupt zu / Gerichtsverhandlungen kam, endeten diese ohne Verurteilungen. Das galt auch für jenen / früheren Stabsfeldwebel der NVA, der westlich von Kneese hunderte Selbstschussanlagen / installiert hatte. Das Landgericht Stendal sprach ihn im Frühjahr 2000 frei, da man ihm nicht / nachweisen konnte, den Tod von Harry Weltzin und anderer Flüchtlinge "vorsätzlich / herbeigeführt" zu haben
Englische Übersetzung:
Not far from this place the engineer Harry Weltzin (28) from Wismar was killed while / attempting to escape from East Germany. He had tried to dig a tunnel under the border fence. / Weltzin was killed by an automatic shooting mechanism in the early morning of September / 4, 1983. / The perpetrators of this dark chapter of German history have escaped the punishment they / deserve. The former East German soldier responsible for the installation of hundreds of / these death machines in the vicinity of Kneese was acquitted by the District Court of Stendal. / The court was not able to prove that he "intentionally caused" the death of Harry Weltzin and / dozens of other East German refugees.
Not far from this place the engineer Harry Weltzin (28) from Wismar was killed while / attempting to escape from East Germany. He had tried to dig a tunnel under the border fence. / Weltzin was killed by an automatic shooting mechanism in the early morning of September / 4, 1983. / The perpetrators of this dark chapter of German history have escaped the punishment they / deserve. The former East German soldier responsible for the installation of hundreds of / these death machines in the vicinity of Kneese was acquitted by the District Court of Stendal. / The court was not able to prove that he "intentionally caused" the death of Harry Weltzin and / dozens of other East German refugees.
Sprache: Deutsch / Englisch, Schrift: Lateinisch
Ereignisse
31. August 2013 - Einweihung
Einweihung des Denkmals für Minenopfer an der ehemaligen deutschen Grenze
4. September 1983 - Historie
Harry Weltzin wird beim Fluchtversuch durch ein eSelbstschussanlage getötet
Publikationen der Bundesstiftung
- Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
- Kategorie: Gedenkort
- Historisch: Ja
- Standort: am Schalsee
- Stadt: Kneese
- Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
- Land: Deutschland




