London, Großbritannien

Denkmal für die Opfer von Katyń

 
Das erste im öffentlichen Raum errichtete Denkmal für die Opfer von Katyń in Westeuropa steht seit 1976 auf dem Londoner Friedhof Gunnersbury. Es war das umstrittenste aller Katyń-Denkmäler weltweit, stießen die Planungen dafür doch auf massiven Widerstand der Sowjetunion und der Volksrepublik Polen, die seine Errichtung mit diplomatischem Druck zu verhindern versuchten, um die sowjetische Verantwortung für das Verbrechen zu vertuschen. Die Entstehung des Denkmals geht auf Bemühungen von Exilpolen in Großbritannien im Jahr 1970 zurück, einen zentralen Gedenkort für die Opfer des Massenmords an polnischen Zivilisten und Militärangehörigen durch die sowjetische Geheimpolizei zu bauen. Die Idee stieß auf ein beachtliches Echo in britischen Medien, was 1971 zur Konstituierung eines Katyń Memorial Fund Committee im britischen Parlament führte. Auch ein Ausführungskomitee wurde gebildet. Beiden Komitees gehörten neben britischen Abgeordneten Vertreter des polnischen Exils in Großbritannien an. Auch die Dachorganisation der Polen in den Vereinigten Staaten, der Kongress der Amerikanischen Polonia in Chicago, unterstützte das Vorhaben. Nachdem die Sammlung der benötigten Geldmittel im Dezember 1971 begonnen hatte, entwickelte sich jedoch ein jahrelanger Konflikt mit der britischen Regierung, die aus diplomatischer Rücksichtnahme auf die Sowjetunion darauf drängte, die Jahreszahl 1940 nicht auf dem Denkmal erscheinen zu lassen. Mit dieser Datierung war schließlich die sowjetische Verantwortung für den Massenmord unzweifelhaft festgehalten und das wollte die Sowjetunion unbedingt verhindern. Darüber hinaus galt es, einen geeigneten Standort für das Denkmal zu finden. Aus praktischen Gründen schieden vier zunächst ins Auge gefasste Standorte im Westen Londons aus, wo die meisten Exilpolen lebten. Ein weiterer Standort musste angesichts des anhaltenden Widerstands der anglikanischen Kirche aufgegeben werden. Erst auf dem multikonfessionellen Friedhof Gunnersbury, der nicht der Verwaltung der anglikanischen Kirche oder des Staates untersteht, wurde schließlich die Grundsteinlegung am 1. Juli 1976 vorgenommen und damit die Realisierung des Denkmals möglich. Dessen symbolische Enthüllung nahm am 18. September 1976 Maria Chełmecka, die Witwe eines der Opfer von Katyń, vor. Der katholische Bischof der polnischen Diaspora, Władysław Rubin, weihte es in Anwesenheit von Vertretern der polnischen orthodoxen und evangelischen Kirche sowie des Verbands der jüdischen Veteranen ein. Anschließend legte der damalige Präsident der antikommunistischen polnischen Exilregierung, Stanisław Ostrowski, den ersten von über 120 Kränzen an dem Denkmal nieder. Auch die Bürgermeister einiger Londoner Stadtbezirke sowie Überlebende der Kriegsgefangenenlager Koselsk, Ostaschkow und Starobilsk wohnten der Einweihungszeremonie bei, deren Teilnehmerzahl auf 8 000 beziffert wird. Begleitet war die Einweihung des Denkmals von massiven Kontroversen. Die sowjetische Botschaft intervenierte allein wegen der Zeremonie zwölfmal im britischen Außenministerium mit dem Ziel, die Feierlichkeiten auf ein Minimum zu beschränken. Die britische Regierung nahm an der Zeremonie nicht teil. Auf einen Hinweis des Außenministeriums verbot der britische Verteidigungsminister, Fred Mulley, sogar britischen Offizieren, die privat an der Einweihungsfeier teilnehmen wollten, das Tragen von Uniformen. Dieses Verbot wurde von zwei Reserveoffizieren demonstrativ missachtet. Auch in den folgenden Jahren blieb das Denkmal ein Politikum. Während die Labour-Regierung eine offizielle Teilnahme der britischen Regierung an den jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltungen ablehnte, setzte sich die konservative Regierung von Margaret Thatcher ab 1979 über diplomatische Bedenken hinweg und ließ für die Veranstaltungen ein militärisches Zeremoniell zu. Das Katyń-Denkmal in Gunnersbury wurde von Ryszard Gabrielczyk entworfen und besteht aus einem schlichten, vier Meter hohen Obelisken aus schwarzem Marmor, an dem ein aus nubischem Granit gefertigtes Relief eines gekrönten polnischen Adlers in einem Stacheldrahtkranz angebracht ist. Darunter ist die Inschrift „KATYN 1940“ eingraviert. Der Obelisk erhebt sich auf einem schwarzen Marmorsockel mit der Widmung des Denkmals, der wiederum auf einem symmetrischen, dreistufigen Podest aus hellgrauem Stein steht. In dieses Podest wurde eine Kapsel mit Erde aus Katyń eingelassen. Weil die sowjetische Verantwortung für den Massenmord von Katyń in der Inschrift des Denkmals nicht explizit genannt wird, sondern sich allein aus der Jahreszahl 1940 ergibt, kritisierten Vertreter radikaler antikommunistischer Strömungen die Konzeption als zu zurückhaltend. Nach dem politischen Umbruch 1989 wurde deshalb am 21. April 1990 eine zusätzliche Tafel auf der obersten Stufe des Podestes angebracht, die die sowjetische Geheimpolizei als Täter benennt. Die jährlich vom polnischen Veteranenverband ausgerichteten Gedenkveranstaltungen an dem Denkmal, die bis dahin stets Ende September stattgefunden hatten, um an den sowjetischen Einmarsch in Ostpolen am 17. September 1939 zu erinnern, wurden nun auf den in Polen für das Gedenken an Katyń anerkannten Monat April verlegt.

Inschriften

Ergänzende Tafel aus dem Jahr 1990
(auf dem Podest)
This / casket / contains / soil from / their grave. Murdered by the / Soviet secret police / on Stalin's orders / 1940 / The soil hereunder came / from their graveyard / 1990 // As finally admitted, in April / 1990, by the U.S.S.R. after / 50 years shameful denial / of the truth.
Deutsche Übersetzung:
Dieser Schrein enthält Erde aus ihrem Grabe. Von der sowjetischen Geheimpolizei auf Befehl Stalins 1940 ermordet. Die Erde hierunter kam aus ihrer Grabstätte 1990 // Im April 1990 wurde es von der UdSSR schließlich zugegeben, nach 50 Jahren schändlichen Leugnens der Wahrheit.
Sprache: Englisch, Schrift: Lateinisch
Inschrift des Denkmals
(auf dem Sockel)
Sumienie świata woła o świadectwo prawdzie. In remembrance / of 14 500 Polish prisoners of war who disappeared in 1940 / from camps at Kozielsk, starobielsk & Ostaszkow of whom / 4,500 were later identified in mass-graves at Katyn near smolensk.
Deutsche Übersetzung:
Das Gewissen der Welt ruft nach dem Zeugnis der Wahrheit. Zum Gedenken an 14 500 polnischen Kriegsgefangenen die 1940 aus den Lagern in Koselsk, Starobilsk, Ostaschkow verschwunden sind und von denen 4 500 später in Massengräbern in Katyń, in der Nähe von Smolensk, identifiziert wurden.
Sprache: Englisch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

21. April 1990 - Errichtung
Errichtung einer ergänzenden Gedenktafel
18. September 1976 - Einweihung
Symbolische Enthüllung des Mahnmals

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Erinnerungsorte für die Opfer von Katyn, Leipzig 2013