Binz, Deutschland

Gedenktafel für die DDR-Bausoldaten

 
Auf Rügen befand sich ab 1982 – neben Garz und Sassnitz – am Militärstandort Prora der größte Stationierungsort von Bausoldaten in der DDR. Bausoldaten wurden jene Männer genannt, die den Dienst an der Waffe verweigerten. Seit 1964 gab es diese Möglichkeit für wehrpflichtige Männer. Sie konnten innerhalb der Nationalen Volksarmee (NVA) einen 18-monatigen waffenlosen Dienst als Bausoldaten leisten. Die Möglichkeit, den Wehrdienst grundsätzlich zu verweigern, wie dies bspw. in der Bundesrepublik als Grundrecht seit 1949 verankert und mit Einführung der Wehrpflicht 1956 in Form des zivilen Ersatzdienstes möglich war, gab es in der DDR nicht. Wer den Wehrdienst absolut verweigerte – zu den sogenannten Totalverweigerern zählten insbesondere die Zeugen Jehovas – wurde mit Haftstrafen von etwa 20 Monaten bestraft. Die Bausoldaten wurden in speziellen Einheiten zumeist für verschiedene militärische Bau- und Instandsetzungsprojekte eingesetzt, die nicht selten besonders strapaziös und gesundheitsgefährdend waren. Eines dieser Bauprojekte war die Errichtung des gewaltigen Fährhafenkomplexes Mukran in der Prorer Wiek. Diejenigen, die sich für den waffenlosen Bausoldatendienst entschieden, demonstrierten damit ihre Distanz zum SED-Regime. Sie hatten mit vielfältigen Benachteiligungen und Schikanen zu rechnen. So wurden den Männern nach dem Ausscheiden aus den Baueinheiten der NVA berufliche Qualifizierungen und Karrieren verwehrt. Viele Bausoldaten waren Christen, die aus religiösen Überzeugungen für Gewaltfreiheit einstanden oder aus humanistischen Gründen den Dienst an der Waffe verweigerten. Auch über ihre Dienstzeit hinaus standen viele von ihnen in engem Austausch miteinander. Insbesondere mit der Formierung der Friedensbewegung in den 1980er Jahren trug diese Vernetzung der einstigen Bausoldaten zu den Grundlagen der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 bei. In Prora waren die Zivilangestellten und diversen Militärangehörigen, darunter auch die Bausoldaten, nicht in gewöhnlichen Kasernen untergebracht, sondern in einer monumentalen Anlage aus der Zeit des Nationalsozialismus. Zwischen 1936 und 1939 ließ die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ an der Prorer Wiek einen riesigen Gebäudekomplex errichten, der als geplantes Seebad für rund 20.000 Menschen Platz bieten sollte. Nach Ausbruch des Krieges wurden die Baumaßnahmen eingestellt, so dass die Anlage nicht vollendet und nach drei Jahren Bauzeit nie über das Stadium eines Rohbaus hinausging. Mit Kriegsende übernahmen ab Frühjahr 1945 zunächst die sowjetischen Besatzungstruppen die Kontrolle über Rügen, Prora wurde zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Während der südlichste Block der Gebäudeanlage gesprengt und abgetragen wurde, setzte in der SBZ und DDR – nach teils umfangreichen Aus- und Umbauarbeiten – eine wechselvolle militärische Nutzung der verbliebenen Anlagenblöcke ein: Die „monumentalste Kasernenanlage der DDR“ nutzten sowohl Einheiten der Sowjetarmee als auch Einheiten der Kasernierten Volkspolizei und später diverse Einheiten der NVA. In dem für die Geschichte der Bausoldaten besonders wichtigen Block V ist diese wechselvolle Nutzung besonders präsent. Hier war zunächst die 2. Artilleriebrigade der Sowjetarmee, später bis 1982 etwa zwei Jahrzehnte lang ein Fallschirmjägerbataillon (eine Eliteeinheit der NVA) und Einheiten des Motorisierten Schützen-Regiments 29, anschließend ab 1982 eine Abteilung des Militärtransportwesens sowie die Baueinheit II mit den Baupionieren und den Bausoldaten stationiert. Seit dem 22. November 2010 erinnert am historischen Block V eine Gedenktafel an die Verweigerer des Waffendienstes in der DDR. Sie befindet sich an der damaligen Turnhalle (heute eine Mehrzweckhalle des Jugendzeltplatzes), in welcher der SED-Staat von den Männern ein Gelöbnis erzwingen wollte. Die Tafel erinnert an die 240 Rekruten, die 1986 bei ihrem Gelöbnis schwiegen. Sie wurde vom Verein Denk-MAL-Prora e.V. finanziert und geht maßgeblich auf das Engagement und die gestalterische Arbeit des Historikers und ehemaligen Bausoldaten Dr. Stefan Stadtherr Wolter zurück. Die Gedenktafel trägt die Symbole eines Bauspatens, diese waren auf den Schulterstücken der Bausoldatenuniformen aufgenäht, und der Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“. Der 2008 von ehemaligen Bausoldaten gegründete Verein Denk-MAL-Prora e.V. setzt sich für die Aufarbeitung der „doppelten Vergangenheit“ Proras sowie insbesondere der Geschichte der Bausoldaten an diesem Ort ein. Zeitweilig widmete sich auch das 2001 gegründete Prora-Zentrum der historisch-politischen Bildungsarbeit in Prora. Nach der Insolvenz seines Trägervereins wurde der Betrieb 2024 eingestellt. Die digitale „Lernplattform Bausoldaten in der DDR“ des Zentrums, auf der Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen Bausoldaten sowie eines Unteroffiziers der NVA zu sehen sind, ist über die Webseite des Dokumentationszentrums Prora zugänglich. Das im Jahr 2000 gegründete Dokumentationszentrum widmet sich in seiner Dauerausstellung „MACHTUrlaub“ dem Ort Prora sowie der staatlich organisierten Freizeitgestaltung im Nationalsozialismus, indem sie diese in den machtpolitischen Kontext einordnet. Darüber hinaus thematisiert die Ausstellung die späte Nutzung der Anlage als Militärstandort während der DDR-Zeit sowie den Umgang mit dem Gebäudekomplex im Zuge neuer Nutzungskonzepte nach 1990.

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(an der Mehrzweckhalle des Jugendzeltplatzes am Block V)
“Wir sollten nachsprechen … alle 240 Mann schwiegen“ / (Gelöbnis auf den SED-Staat 1986) // 1982-1989 wurde Block V zum Trauma hunderter / Waffenverweigerer. In der ehemaligen Turnhalle / Wurde das Gelöbnis erzwungen. Gewaltlosigkeit und / Geist der „Spatensoldaten“ prägten die friedliche / Revolution. // Denk-MAL Prora e.V. / 2010“
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

22. November 2010 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel für die DDR-Bausoldaten

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
 
  • Kategorie: Gedenkort
  • Historisch: Ja
  • Standort: Block V, Mukraner Straße 12
  • Stadt: Binz
  • Ortsteil: Prora
  • Gebiet: Mecklenburg-Vorpommern
  • Land: Deutschland