Dresden, Deutschland

Gedenktafel zur Erinnerung an die Friedliche Revolution 1989

 
Im Herbst 1989 wurden Ausreisewillige, die in der Prager Botschaft der Bundesrepublik Deutschland Zuflucht gesucht hatten, mit Sonderzügen, die den Dresdener Hauptbahnhof passieren mussten, in den Westen gefahren. Noch vor Durchfahrt des ersten Zuges besetzten am 3. Oktober 1989 etwa 3 000 Menschen den Bahnhof, um die Mitfahrt zu erzwingen. Angesichts der Massenflucht schloss das SED-Regime an diesem Tag die Grenze zur Tschechoslowakei. DDR-Bewohner, denen nun die Weiterreise nach Prag und Budapest versperrt war, versuchten in ihrer Verzweiflung, auf die fahrenden Züge aufzuspringen. Als Polizei, Staatssicherheit und Bereitschaftspolizei anrückten und zugleich immer mehr Menschen über die Prager Straße in Richtung Bahnhof strömten, kam es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Am 4. Oktober gab es erneut schwere Zusammenstöße, als sich bis zu 20 000 Menschen auf dem Hauptbahnhof versammelt hatten. Am nächsten Tag passierten auf einem Nebengleis Züge mit Flüchtlingen aus Prag den Dresdener Hauptbahnhof. Der Konflikt verlagerte sich auf die Prager Straße. Immer mehr Menschen drängten auf die Straßen und forderten Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse, Dialog und Reformen. Am Abend des 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, formierte sich ein Demonstrationszug mit etwa 10 000 Menschen, die sich trotz der Polizeiübergriffe nicht vertreiben ließen. Am folgenden Abend bestimmten die von Sicherheitskräften eingekreisten Demonstranten auf der Prager Straße per Akklamation 20 Vertreter aus ihrer Mitte fürein Gespräch mit dem Bürgermeister. Die Evangelische Kirche griff vermittelnd ein und ermöglichte am 9. Oktober das Gespräch zwischen der „Gruppe der 20“ und dem damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer. Die Gedenktafel am Hauptbahnhof wurde im Dezember 1998 von Oberbürgermeister Herbert Wagner und Pfarrer Frank Richter eingeweiht und soll an die dramatischen Ereignisse im Herbst 1989 erinnern.

Inschriften

Inschrift der Gedenktafel
(am Hauptbahnhof)
„Wir wollen raus!“ – Mit diesem Ruf sammelten sich Ausreisewillige / ab dem 3. Oktober 1989 am Dresdner Hauptbahnhof, um mit den Zügen für die / Prager Botschaftsflüchtlinge in die Freiheit zu gelangen. / Das Aufbegehren wuchs zu Massenprotesten. / Tausende forderten auf der Straße Veränderungen: / ‚Wir bleiben hier – Reformen wollen wir!‘ Die Staatsmacht reagierte mit brutaler Gewalt. / Aus gewaltfreier Demonstration bildete sich am 8. Oktober 1989 auf der Prager Straße / die ‚Gruppe der 20‘ – die friedliche Revolution in Dresden begann. / Das Volk erzwang den Sturz des SED-Regimes.
Sprache: Deutsch, Schrift: Lateinisch

Ereignisse

Dezember 1998 - Einweihung
Einweihung der Gedenktafel zur Erinnerung an die Friedliche Revolution 1989
9. Oktober 1989 - Historie
Gespräch zwischen der „Gruppe der 20“ und dem damaligen Oberbürgermeister Dresdens Wolfgang Berghofer
7. Oktober 1989 - Historie
Demonstrationszug mit etwa 10 000 Menschen, die sich trotz Polizeiübergriffen, Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse, Dialog und Reformen fordern
3. Oktober 1989 bis 4. Oktober 1989 - Historie
Tausende Menschen besetzten den Hauptbahnhof in Dresden, um eine Mitfahrt in die Bundesrepublik zu erzwingen, dabei kommt es zu schweren Zusammenstößen

Literatur

  • Richter, Michael/Sobeslavsky, Erich: „Die Gruppe 20“. Gesellschaftlicher Aufbruch und politische Opposition in Dresden 1989/90, Köln 1999
  • Richter, Michael/Sobeslavsky, Erich: Entscheidungstage in Sachsen. Berichte von Staatssicherheit und Volkspolizei über die friedliche Revolution im Bezirk Dresden, Dresden 1999
  • Urich, Karin: Die Bürgerbewegung in Dresden 1989/90, Köln 2001

Publikationen der Bundesstiftung

  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, 3. Aufl., Berlin 2016
  • Kaminsky, Anna (Hrsg.): Orte des Erinnerns an die Friedliche Revolution, Berlin 2024